Rosenseele

Euthanasie – Deutschlands schambehaftetes Erbe. Stellvertretend dafür die Gedenkstätte Pirna Sonnenstein. – “Vergangenheit ist Gegenwart”

Ich betrete den Keller der Gedenkstätte mit Gasraum, Leichenraum und Verbrennungsofen. Noch immer drängen sich die verbliebenen Seelen dort unten dicht an dicht, so das sich mein Körper uralt und zentnerschwer anfühlt, die Beine wollen mir den Dienst versagen. Etwa 15000 Menschen vergaste man dort unten im Rahmen des Euthanasie Programms und der “Rassenhygiene” während des dritten Reiches. Weil sie krank, behindert oder unerwünscht waren oder nicht genügend Arbeitskraft abgaben. Sie bekamen den “Gnadentod” aufgrund der Diagnose lebensunwertes Leben. Einfach entsorgt wie Dinge unserer Wegwerfgesellschaft…

Der Sterbeprozess durch das Gas dauerte etwa 10-20 Minuten, je nach “Reinheit” des Gases. Nach dem “Duschen” türmten sich die Leichen Meterhoch im Nebenraum, bis die würdelos verwesenden Körper in die Verbrennung kamen. Die Seelen sehen nach ihrem Austritt aus dem Körper all dem Treiben zu.

So begibt es sich, dass die Seele eines kleinen, ehemals behinderten Mädchens mit mir kommt. Wir gehen ein Stück spazieren und ich sehe die Welt durch ihre Augen. Während der Fahrt nach Hause stoppe ich spontan am Park eines großen Schlosses. Fröhlich schlendert sie mit mir durch den Schlosspark zu einem großen Rosengarten und danach zu einer Skulptur, einem Rosenmädchen. Sie hegt keinerlei Groll, weder auf das Geschehene, noch auf die Menschen, die das taten. Ich begreife erst nicht was sie mir in dieser “Rosensprache” sagen will.

Die Rose – bekannt als DIE Blume der Liebe, erscheint mir in diesem Augenblick, im Schatten der menschlichen Abgründe, kitschig und albern. Und doch lässt mich die Sprache der Rose nicht mehr los. Denn auch im Namen der Rose wurde viel Vergeltung geübt. Liebe – ein Grundbedürfnis, doch auch Mittel für Missbrauch, Gewalt und Tod. Rosenkreuzer, Rosenkranz und Kreuzzüge kommen mir in den Sinn sowie gewaltsame Aneignung, Besitz und das Lied der Toten Hosen “Alles aus Liebe” “…ich bringe mich für dich um…”. Doch ist es auch die Rose, die eine ganze Pflanzenfamilie, ja eine ganze botanische Ordnung und Klasse anführt. Deren betörender Duft die Sinne verführt. Für keine andere Pflanze wurde ein derartiger Zuchtaufwand betrieben um Schlossgärten zu zieren und die Liebe zu zelebrieren, sich von ihren Zauber das Hirn vernebeln zu lassen, so das der reine Urinstinkt dem Denken weicht. Was kann dualer sein als die Liebe an sich? Aber wo ist das Problem? – Ich frage die Rose selbst.

Wer kennt ihn noch, den berühmten Spruch im Poesiealbum – “Sei wie das Veilchen im Moose, sittsam, bescheiden und rein. Und nicht wie die stolze Rose, die immer bewundert will sein.” Und doch ist es genau das, was weiter helfen kann – eine große Portion Liebe zu sich selbst. Der Wert, den man sich selbst zuschreibt. Die Zeiten sind vorbei, das eigene Seelenlicht unter den Scheffel zu stellen. Denn – so die Deva der Rose – Liebe ist nur dann schmerzhaft, wenn sie sich mit eigenen unerfüllten Bedürfnissen vermischt, mit unterdrückten Emotionen, die zur pathologischen Qual werden und den Menschen dazu bringt, sich seine mangelnden Bedürfnisse gewaltsam anzugeignen. Allem voran der Mangel an Liebe, der häufig bereits im Mutterleib beginnt.

Religionen, Sekten und Ideologien predigen die Aufgabe des Selbst, um der Seele der Menschen leicht habhaft zu werden und sie für eigene Zwecke zu manipulieren. Und so landen sie auf den Opfertischen, den Altären egozentrischer Götzen und bluten. Die Lösung? Geh den Weg der Rose und blühe. Erhebe dich und steige herunter von Opferaltar, lass die Schönheit deiner Seele strahlen mit ihren eigenen Wert, ihrem Auftrag und der Lernaufgabe in diesem Leben. Entlasse auch die anderen aus deinem Besitz, sieh hin, auf deinen Mangel, trauere, weine darum und gehe weiter. Besitze dich selbst und schaue mit den Augen deiner Seelenessenz in die Welt. Ohne Groll und ohne Unterdrückung. Es gibt keine Erbsünde. Lediglich Selbsterkenntnis. Aufarbeitung, Heilung und neue Wege beginnen, sobald die Dinge und deine eigenen Spiegel ungeschönt und offen gesehen werden und zur Sprache kommen. Das braucht Mut, doch es lohnt sich.

Vielen Dank, Rosenseele, für deine Lektion.

©Yvonne • Adomera
Schamanin und Knochenfrau

Ahnenarbeit, Arbeit mit Verstorbenen, geschichtliche Aufarbeitung, Totengeleit, nekromantische Magie, Der Tod – Lehrmeister des Lebens (Vorträge), konfessionsfreie Trauerreden
www.praxis-seelenpfade.de

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